Predigt vom 23.11.2025
Predigtthema: Als Gott Jesus im Tod verließ – Die Antwort auf unsere tiefste Einsamkeit
Der Verlust eines geliebten Menschen, eine unerträgliche Trauer oder eine schwere Krankheit – in solchen Momenten fühlt sich Gott oft unendlich weit weg an. Wir fühlen uns allein in unserem Leid. Doch genau hier beginnt die tiefste Botschaft des Kreuzes:
1. Die Universalität des Verlusts
Eine alte buddhistische Legende erzählt von einer Frau, deren Säugling gestorben war. Sie flehte Buddha an, ihr Kind zum Leben zurückzurufen. Buddha stellte ihr eine Bedingung: Sie solle eine Handvoll Senfkörner aus einem Haus holen, in dem noch nie jemand gestorben ist.
Die Frau klopfte an Tür um Tür, doch in jedem Haus hatte man bereits jemanden verloren: die Großmutter, die Schwiegermutter, einen Freund. Am Ende musste sie sich eingestehen: Ich bin nicht die Ausnahme. Jeder Mensch auf dieser Welt weiß, was es bedeutet, jemanden zu begraben.
Diese Erkenntnis kann uns helfen, die Einsamkeit in der Trauer zu lindern. Und sie führt uns zur radikalen christlichen Hoffnung: Jesus kennt dieses Gefühl.
2. Die einsamsten Worte der Bibel
Nicht nur weiß Gott, was Leiden bedeutet – Jesus erlebte selbst das Gefühl, vom Vater verlassen zu sein, und zwar im Moment seiner größten Not.
In der Finsternis, die das Land drei Stunden lang umhüllte, geschah das Unfassbare. Jesus schrie:
„Eloy, Eloy, lama sabachthani?“ (Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?)
Dieser Schrei ist Trost. Er zeigt: Sie sind mit Ihrem „Warum?“ nicht allein. Jesus war auch dort.
3. Hüten Sie sich vor einfachen Antworten
Wenn wir leiden, versuchen Menschen oft, den Schmerz mit simplen Sätzen zu lindern. Doch diese pauschalen Antworten machen den Schmerz meist nur noch schlimmer:
- „Das ist Gottes Wille.“ Dieser Satz beendet zwar jede Diskussion, heilt aber nicht das Herz.
- „Du hast nicht genug Glauben.“ oder „Das liegt an Sünde in deinem Leben.“ Solche Antworten schieben die Schuld auf den Leidenden.
Das Leid ist kompliziert. Wir sehen nur Bruchstücke (1. Korinther 13,9) – wie ein Kind, das nicht versteht, warum der Arzt ihm Blut abnimmt. Wir sehen wie durch einen kaputten Spiegel.
Gott ist größer, als ein einfacher Satz es fassen kann.
4. Das göttliche Paradox: Warum die Trennung sein musste
Warum hat der Vater den Sohn in diesem Moment verlassen? Hier liegt das theologische Herz der Kreuzesbotschaft:
- Jesus wurde zur Sünde: Am Kreuz trug Jesus nicht nur unsere Sünden; die Bibel sagt: „Den der ohne jede Sünde war hat Gott für uns zur Sünde gemacht.“ (2. Korinther 5,21).
- Gottes Heiligkeit: Der Heilige Gott kann Sünde nicht tolerieren. Habakuk schreibt: „Deine Augen sind zu rein, um Böses mit anzusehen.“
- Die Trennung: In dem Moment, als Jesus die Sünde der Welt verkörperte, musste der heilige Gott seinen Blick abwenden, damit der Gerechtigkeit Genüge getan werden konnte.
Die Antwort Gottes auf unser Leid hat drei Teile:
- Er ist heilig und kann Sünde nicht tolerieren.
- Er ist gerecht und musste die Sünde richten.
- Er ist die Liebe und fand einen Weg, auf dem beides erfüllt wird: Gerechtigkeit und Vergebung.
5. Die Botschaft des Kreuzes
Am Kreuz geschah eine stellvertretende Trennung: Der Sohn wurde verlassen, damit wir Vergebung empfangen können.
Die paradoxe Botschaft des Kreuzes lautet:
Gott hat Jesus verlassen, damit er uns niemals verlassen muss.
In unserem Schmerz und in unserer Trauer ist er nicht irgendwo – er ist genau bei uns.
Quelle: Als Gott Jesus im Tod verließ – Predigt vom 23.11.2025 | Zoarkirche

