Lexikon der Tugenden: Schweigen

Bild Lexikon der TugendenHilfsbereitschaft, Hingabe oder Respekt. Die preußischen Tugenden mit denen Friedrich II. in Verbindung gebracht wurde, lauten beispielsweise: Disziplin, Fleiß, Gehorsam oder Treue. Teils wurden diese Tugenden als altmodisch und als ein Relikt überwundener Zeiten belächelt. Teils wurde beklagt, dass im Zuge des Werteverfalls kaum noch jemand weiß, was denn Tugenden überhaupt sind. Das letzte Jahr hat uns gezeigt, dass Tugenden wichtig sind.

Der „Brockhaus“ erklärt diesen Begriff sinngemäß so: „Gesellschaftlich anerkannte Maßstäbe und Werte, die man mit sittlicher Festigkeit und Tüchtigkeit lebt und vervollkommnet.“

Schlicht gesagt: Das Gute erkennen und tun. Was das konkret bedeutet, soll nun mit einer Fortsetzungsreihe von einigen Tugenden erklärt werden.

Schweigen

Mit dieser Tugend ist nicht gemeint, den anderen gezielt zu verunsichern oder bewusst auflaufen zu lassen. Dazu gehört auch nicht das eisige Schweigen zwischen Ehepaaren nach einem Streit. Das sind Formen, die die Atmosphäre vergiften und Menschen entzweien.

Was meint aber dieses Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, wenn es doch die Sprache ist, die Menschen zueinander bringt?

Ich möchte einige Formen des tugendhaften Schweigens vorstellen:

1. Beim Plaudern ist es nicht nur Höflichkeit, wenn ich meinem Gegenüber nicht ständig ins Wort falle, sondern es hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Und in einer Arbeitssitzung ist es geradezu Voraussetzung, eine Bedingung, den anderen ausreden zu lassen, um dessen Standpunkt überhaupt zu verstehen.

2. Wenn ein Streit eskaliert und es immer lauter wird, ist es ratsam, einfach aufzuhören. Nicht, um den anderen im Regen stehen zu lassen, sondern um die Streitspirale von Worten und Widerworten zu unterbrechen. Haben die beiden Hitzköpfe sich beruhigt, kann das Gespräch auf ruhigerer, sachlicherer Ebene fortgesetzt werden.

3. Teilt mir jemand etwas sehr Persönliches mit, so öffnet er sich und zeigt damit sein Vertrauen mir gegenüber, das ich auf keinen Fall enttäuschen darf. Hier ist die absolute Verschwiegenheit ein Muss und Beweis meiner Diskretion und Zuverlässigkeit.

4. Das Schweigen in mir. Ich kann zwar nach außen hin den Mund halten, aber im Kopf rattern die Dialoge. Doch es gibt ein Stillwerden vor sich selbst, ein Innehalten, das ins Meditative geht. Dazu gehört freilich, dass ich alle störenden Lärmquellen ausgeschaltet habe, auch das Handy. Denn nur durch die Ruhe in mir komme ich mir selbst auf die Spur, finde die eigene Mitte und erkenne, wer ich wirklich bin.

5. Das Schweigen vor Gott, um die Seele für seine Gegenwart zu öffnen, um Gott in mein Herz zu lassen. Bei der „unio mystica“ geht es weniger um die Erkenntnis Gottes, sondern um das Spüren seiner Nähe. Die „Vereinigung mit dem Göttlichen“ bleibt ein Geheimnis des Glaubens, das besonders die Mystiker im Mittelalter angestrebt haben.

„Schweigen ist der Anfang der Weisheit“ ist bei Schlomo Ibn Gewirol, einem jüdischen Philosophen des Mittelalters, zu lesen. In der Tat haben Menschen, die schweigen können, denen gegenüber, die unbesonnen drauflos reden, etwas Überlegenes, eben weil sie erst überlegen und dann das Wort ergreifen. Die Ausgewogenheit ihrer Gedanken, ihre Ruhe und Ausgeglichenheit wird von den meisten Menschen geschätzt und als sehr angenehm empfunden.

Gundolf Lauktien