Lexikon der Tugenden

Bild Lexikon der Tugenden

2020 war geprägt von Tugenden wie Anteilnahme, Disziplin, Großzügigkeit Hilfsbereitschaft, Hingabe oder Respekt. Die preußischen Tugenden mit denen Friedrich II. in Verbindung gebracht wurde, lauten beispielsweise: Disziplin, Fleiß, Gehorsam oder Treue. Teils wurden diese Tugenden als altmodisch und als ein Relikt überwundener Zeiten belächelt. Teils wurde beklagt, dass im Zuge des Werteverfalls kaum noch jemand weiß, was denn Tugenden überhaupt sind. Das letzte Jahr hat uns gezeigt, dass Tugenden wichtig sind.

Der „Brockhaus“ erklärt diesen Begriff sinngemäß so: „Gesellschaftlich anerkannte Maßstäbe und Werte, die man mit sittlicher Festigkeit und Tüchtigkeit lebt und vervollkommnet.“

Schlicht gesagt: Das Gute erkennen und tun. Was das konkret bedeutet, soll nun mit einer Fortsetzungsreihe von einigen Tugenden erklärt werden.

Achtsamkeit

ist ein Modewort geworden. Aber in der Seelsorge und Psychotherapie ist sie ein Eckpfeiler für die Heilung. Denn wir leben in einer Welt, in der alles immer hektischer, lauter, immer fordernder wird. Menschen, die bei dieser Unerbittlichkeit nicht mehr mitkommen, bleiben auf der Strecke, nicht nur körperlich, auch seelisch. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Die psychischen Beschwerden, allen voran die Depression und Burnout, nehmen seit Jahren zu. Die Erkrankten haben zu wenig auf sich geachtet, auf die ersten Symptome wie Erschöpfung, Antriebsschwäche, Lustlosigkeit, Schlafstörungen, Traurigkeit – bis sich auch körperliche Beschwerden einstellten. Anfangs wurden sie tapfer weggesteckt, dann ärztlich behandelt. Aber eines Tages waren die Kraftreserven aufgebraucht und nichts ging mehr. Die Achtsamkeit soll helfen, dass es erst gar nicht so weit kommt. Ich muss lernen, auf meine Stärken und Schwächen zu achten, was ich leisten kann und was mich überfordert, was mir Freude und was mir Verdruss bereitet. Nun ist die Achtsamkeit kein Allheilmittel, sie ist eher eine Tugend der kleinen Schritte und der bewussten Wahrnehmung. Welchen Dingen des Lebens schenke ich Aufmerksamkeit und was übersehe ich achtlos? Gerade die Wertschätzung des scheinbar Unbedeutenden, die Hochachtung vor den kleinen Geschenken des Lebens sind der Schlüssel für unsere innere Gesundheit. Dabei muss es nicht gleich um ein Achtsamkeitstraining gehen. Es genügt schon, wenn ich bewusst den gegenwärtigen Moment zu schätzen weiß, mich auf das, was ich gerade tue, konzentriere und nicht nebenbei schon überlege, was noch alles geschafft werden muss. Wie oft erledigen wir mehrere Dinge gleichzeitig!

Auch für unser Miteinander ist diese Tugend wichtig. Mein Gegenüber möchte von mir angesehen und wahrgenommen werden. Das achtlose aneinander Vorbeigehen kann nur als geringe Wertschätzung gedeutet werden. Doch der Achtsame ist aufmerksam, kann innehalten, sich Zeit nehmen, ganz für den Anderen da sein. Er kann zuhören, ausreden lassen und selbst bei unterschiedlichen Standpunkten ausgewogen reagieren. Achtsame Menschen sind nicht unbeherrscht und laut, nicht derb, ungehobelt und poltrig. Man erlebt sie als sensibel und rücksichtsvoll, als Menschen, die das rechte Wort zur rechten Zeit in angemessener Tonlage finden. Sie achten auf ihre Wortwahl. Und wenn es sein muss, dann können sie sich auch zurücknehmen. Sie müssen sich nicht immer Gehör verschaffen. Sie haben ein Gespür für die Situation. Ihre Ausgeglichenheit und ihr behutsamer Umgang steckt an und verbreitet eine angenehme Atmosphäre, die uns gut tut.

Gundolf Lauktien